
Auf seiner Homepage nononsenseselfdefense.com beschreibt Marc McYoung (Autor und Selbstverteidigungsexperte aus den USA) sehr präzise die Realität von Messerangriffen. Seine Analysen decken sich mit meinen eigenen langjährigen Erfahrungen aus Ausbildung, Praxis und Beobachtung.
Pistolen- und Messerbedrohungen sind ein fester Bestandteil vieler Selbstverteidigungskurse. Das ist grundsätzlich richtig. Problematisch wird es dort, wo Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer Techniken vermittelt bekommen, die eine aktive Entwaffnung des Täters suggerieren. Solche Szenarien sind realitätsfremd und in der Praxis nicht umsetzbar.

Auf den häufig gezeigten Bildern etwa bei der Abwehr einer Pistolenbedrohung oder eines Messerangriffs wird oft der Eindruck erweckt, der Täter lasse sich kontrollieren, hebeln oder entwaffnen. In beiden Fällen ist von einer Befreiungs- oder Entwaffnungsaktion dringend abzuraten. Besonders deshalb, weil solche komplexen Abläufe in zeitlich begrenzten Selbstverteidigungskursen weder realistisch erlernt noch unter Stress abrufbar gemacht werden können. Entscheidend ist zudem die grundsätzliche Frage: Ist eine solche Aktion überhaupt notwendig und vernünftig?
Grundsätzlich gilt: Sind Waffen im Spiel, steht die eigene körperliche Unversehrtheit über allem.
Unter Fachleuten wird die Überlebenschance eines ernst gemeinten Messerangriffs ohne eigene Bewaffnung auf maximal fünf Prozent geschätzt. Eine Entwaffnung ist praktisch nicht möglich auch nicht bei scheinbar unkoordinierten oder amateurhaften Angriffen. Täterpsychologisch ist zudem davon auszugehen, dass der Angreifer den Vorteil der Waffe nicht preisgibt, sondern gezielt das Überraschungsmoment nutzt.
Mythen der Messerabwehr Blocken, Umleiten, Hebeln oder Entwaffnen funktionieren ausschliesslich im Training. Dort konditionieren sich die Trainingspartner gegenseitig. Die Realität verläuft anders.
In meiner Ausbildung liegt der Fokus bei Messerangriffen deshalb auf dem Einsatz von Gegenständen zur Distanzkontrolle, sofern eine frühzeitige Wahrnehmung der Gefahr oder eine Flucht nicht möglich war. Ziel ist es, den Angreifer auf Abstand zu halten und Handlungsspielraum zu schaffen. Bei Schusswaffen unterscheiden sich die Verhaltensweisen aufgrund der spezifischen Gefährdungslage entsprechend.
Zeitlich begrenzte Selbstverteidigungskurse vermitteln aus meiner Erfahrung häufig ein falsches Sicherheitsgefühl. Aussagen wie die können jetzt kommen, ich bin parat sind ein Warnsignal. Genau das Gegenteil sollte erreicht werden: eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Grenzen.
Meine zentrale Botschaft lautet deshalb seit Jahren:
Ein vermiedener Kampf ist ein gewonnener Kampf.
Selbstverteidigung zu unterrichten insbesondere in lebensbedrohlichen Szenarien wie Messerangriffen bedeutet Verantwortung. Eine Verantwortung, deren Preis sonst der Schüler mit seiner Gesundheit oder seinem Leben bezahlt.
Diese Verantwortung nehme ich ernst.